Flying with ‚Old Eagle‘ (Remos G3 Revisited)

„Joghurtbecherpilot!“ – „Blechbüchsentreiber!“ – „Luftquirler“ – „Cessnafahrer!“

Ich habe zum ersten Mal Kantinendienst und bewirte eine Gruppe von Piloten, in der jeder die anderen von den Vorteilen seines Flugzeugs überzeugen will. Die Stimmung ist hart aber herzlich, es wird unheimlich viel gefrotzelt, ohne dass jemand wirklich böse wäre. Für uns Flugschüler ist diese Tätigkeit ein wichtiger Initiationsritus. Schließlich sollen wir nicht nur lernen, wie man im Falle einer Revolution das Land auf dem Luftweg verlässt, sondern auch, wie wir uns in der Fremde eine neue Existenz als Barkeeper aufbauen können.

Ein engagierter Remos G3-Pilot mit Spitznamen „Old Eagle“ möchte mich jungen Flugschüler von den Vorteilen seines Ultraleichmusters überzeugen. Deswegen lädt er mich spontan auf eine Spritztour in seinem privaten Flugzeug („dat is’n Luftsportgerät“ hör ich die Segelflieger rufen) ein, die ich natürlich gerne annehme.

Remos G3 Schneeflocke
Die Remos G3 von ‘Old Eagle’ mit dem Spitznamen ‘Schneeflocke’

Während er die Maschine vorbereitet, setze ich sicherheitshalber noch einen großen Pott Kaffee auf und delegiere den Kantinendienst an zwei Herren von der Segelfliegertruppe. “Viel Spaß beim Flug in dem Joghurtbecher” rufen sie mir hinterher.

“Selber Joghurtbecher, ihr Papierflugzeugpiloten!” – Ich strecke ihnen die Zunge raus, verlasse grinsend die Kantine und begebe mich auf das Rollfeld, wo die Schneeflocke auf mich wartet. Schick schaut sie aus, mit blauem Sennheiser Schriftzug, gelben Propellerspitzen und LED Beleuchtung. Erstaunlich: Die Radschuhe halten von selbst, ganz ohne Klebeband.

Käpt’n Old Eagle erklärt mir den Einstiegsalgorithmus:

1. OPEN Flügeldoor
2. INSERT Kopf INTO Aircraft
3. IF Kopf > Dachhimmel THEN Kopf.einziehen
4. Körper.drehen(180)
5. Hintern.setzen
6. FOR EACH Bein IN Körper.Beine
7.        Bein.einziehen
8. NEXT
9. Aircraft.Sitz.Gurt.Attach(Körper:=Mine, Helper:=Old_Eagle)
10. CLOSE Flügeldoor

Und schon sitzt man im Cockpit. Ist doch ganz einfach,oder?

Das Anschnallen ist ein wenig mühsamer als in der Cessna, Old Eagle ist mir behilflich. Eine Türverkleidung wie in der Cessna gibt es nicht, dafür ist die Ellenbogenfreiheit deutlich größer, das Ambiente luftiger. Da der alte Adler gelegentlich einen noch älteren Fallschirmspringer absetzt, wird die Plastiktür mit einer kreativen Seilkonstruktion gesichert, die nicht nur garantiert, dass sie nicht versehentlich aufspringt, sondern auch dem Piloten ermöglich, sie von seinem Platz aus in der Luft wieder zu schließen.

Nach kurzer Zeit sind wir auf der Startbahn gerollt. Vor uns ist ein fliegender Rasenmäher gestartet, der jetzt irgendwie über die Piste hängt und nicht vorankommt. Kein Problem, die Schneeflocke zieht in einem eleganten Bogen rechts vorbei – das ist ungefähr so, als wenn man mit einem BMW M6 einen  200 km/h  schnellen Audi A3 von rechts überholt, der die linke Spur blockiert, nur eben deutlich legaler.

Remos G3 Cockpit mit Dynon Glascockpit
Mit GPS und Glascockpit findet diese Schneeflocke ihren Weg nicht bloß durch Zufall.

Old Eagle präsentiert mir stolz die Instrumentensammlung: ein Dynon Glascockpit im Micro-Format bringt einen Hauch von Kampfjet-Feeling in die Schneeflocke, ein VOR Empfänger ist enthalten und sogar ein Autopilot eingebaut. Man möchte  meinen, dass so ein Autopilot eine wahnsinnig komplizierte Angelegenheit, aber im Prinzip handelt es sich nur um einen elektronischen Kompass und einen kleinen Servomotor, der über einen Draht das Seitenruder steuert und auf diese Weise den Kurs hält.

Da ich zum ersten Mal als Passagier auf der rechten Seite im Cockpit sitze, habe ich Zeit, mit dem Smartphone einige Bilder zu machen. Die Sicht ist deutlich besser als die in “meiner” Cessna, ich genieße ein herrliches Panorama auf Hildesheim und Umgebung.

Hildesheim aus Pilotensicht
Der herrliche Blick aus der Remos G3 schlägt das Miniaturwunderland um Längen.

Zeitweise übernehme ich das Steuer. Der Stick ist ganz leicht mit zwei Finger zu bedienen. Das ist deutlich bequemer als das Steuerhorn der Cessna, statt den linken Arm auszustrecken kann man bequem die Hände in den Schoss legen. Besonders schnell ist sie leider nicht, die Schneeflocke. Mit einer Reisegeschwindigkeit von vielleicht 140 km/h eignet sich die Remos nur bedingt für lange Reisen, dafür aber ist sie perfekt zum Luftwandern, Fotografieren und natürlich, um Leute aus dem Flugzeug schmeißen.

Segeln mit dem UL
Über den Wolken – kann ein Alpenpanorama so etwas toppen?

Wir steigen über die Wolken, das Panorama ist fantastisch. Wozu in die Alpen fahren, wenn man nach nur 10 Minuten Steigflug ein viel beeindruckenderes Panorama findet?

Open Air Feeling: Jetzt bloß nicht die Camera fallen lassen!
Open Air Feeling: Jetzt bloß nicht die Camera fallen lassen!

Natürlich lässt es Old Eagle sich nicht nehmen, mir den Mechanismus zum Öffnen und Schließen der Tür zu demonstrieren. Nach wenigen Sekunden strömt winterliche Kaltluft ins Cockpit, direkt neben mir geht es 1000 Meter in den Abgrund. Bloss gut, dass ich so sorgfältig angeschnallt bin und mich in meinem Sitz kaum bewegen kann. Wenn ich jetzt mein Telefon fallen lassen wird mir die “where is my f****** phone”-Funktion wohl auch nicht mehr viel nutzen.

Wir machen die Tür wieder zu. Als nächstes Frage mich Old Eagle, ob ich schnell luftkrank werde. “Hmm, nö, eigentlich nicht” antworte ich. Old Eagle grinst und praktisch sofort befinden wir uns in einer 90° Steilkurve! Die Schneeflocke rollt deutlich agiler als die alte Cessna, ich werde heftig in den Sitz gedrückt und habe ein fettes Grinsen im Gesicht.

Remos G3 Cockpit Rechte Seite
Fast wie ein Flug ins ewige Eis

“Wie schnell beschleunigt Dein Auto nochmal?” fragt Old Eagle

“So 5 Sekunden von 0 auf 100″ antworte ich.

Old Eagle tippt etwas in sein iPhone und verkündet: “Ok, dann wären rund 0,5G. Eben hatten wir 2,3G! So, und zeig ich dir noch etwas!”

Was mag jetzt noch kommen? Sturzflug? Weit gefehlt: Old Eagle schaltet einfach den Motor aus und verwandelt die Schneeflocke in eine Art Segelflugzeug. Fast lautlos schweben wir über den Wolken und hören nichts außer dem Rauschen des Windes. Selbst das Headset könnte man abnehmen. Hildesheim kommt langsam näher, auf dem Fahrtmesser stehen 80 km/h. Da wir starken Rückenwind haben stehen auf dem  GPS 130 km/h. Während die Cessna sich dem Erdboden  rasant nähert, dauert es mit der Remos über 10 Minuten, bis wir den Erdboden erreichen. Ich bin beeindruckt, nur leider hat die Sache einen winzigen Hacken: ohne Motor läuft die Heizung nicht, und mir ist A*****kalt!

Neuen Beitrag erstellen ‹ Alpha Flying India — WordPress
Wir segeln über den Flugplatz hinweg.

Die Landung ohne Motor ist ein Meisterwerk, das Aufsetzen vielleicht ein wenig ruppig. Die Remos ist eben nicht so gut gefedert wir die Alpha India. Ich habe den Flug sehr genossen, ich weiß nicht, was mehr Spaß gemacht hat: die Gs oder das Segeln.

Abschließend lässt sich folgendes Urteil bilden:

Die Cessna wirkt solider, hat eine deutlich üppigere Innenausstattung mit Teppichen und Türverkleidungen. Ich liebe es, meine Tasche einfach hinter die Sitze schmeißen zu können, das geht in der Remos nicht. Außerdem kann man in der Cessna nach Hinten hinausblicken. Auch der großvolumige Lycoming Motor gefällt mir besser als das 1,3l Rotax-Maschinchen.

Die Remos ist moderner, leichter, luftiger. Man hat mehr Ellenbogenfreiheit, kann offen fliegen und hat ein wunderbares Panorama. Den Stick finde ich bequemer als das Steuerhorn der Cessna, vor allem bei hohen G-Belastungen ist er einfacher zu bedienen, weil man eben nicht den Arm austrecken muss. Die hervorragenden Gleiteigenschaften finde ich überzeugend, das langsame Reisetempo weniger, wobei auch die Alpha India kein Ausbund an Temperament ist. Ebenfalls für die Remos spricht die Betankung: statt AVGAS kippt man Super in den Tank, außerdem muss man nicht jedes Mal auf die Leiter klettern.

Für mich als notorische Frostbeule bleibt aber trotz der Vorteile des modernen Musters ein wesentliches Hauptargument für die Cessna bestehen:  die bollerig warme Heizung!

Last but not least natürlich noch ein herzliches Dankeschön an ‘Old Eagle’ für einen unvergesslichen Flug!

Kennst Du jemanden, der diesen Beitrag vielleicht auch interessant findet? Dann sei doch so gut und teile ihn :-)

Ein Gedanke zu „Flying with ‚Old Eagle‘ (Remos G3 Revisited)“

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.